Geschichte Politik

Übereinander staunen

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Exzellenzpreisvergabe der Deutsch-Französischen Hochschule, Französische Botschaft, Berlin, 26. Januar 2017

Rede anläss­lich der Ver­lei­hung der Exzel­lenz- und Dis­ser­ta­ti­ons­prei­se der Deutsch-Fran­zö­si­schen Hoch­schu­le in der Fran­zö­si­schen Bot­schaft Ber­lin im Janu­ar 2017, stell­ver­tre­tend für alle 13 Preisträger*innen

Sehr geehr­ter Herr Bot­schaf­ter, sehr geehr­te Frau Prä­si­den­tin,
sehr geehr­te Damen und Her­ren, lie­be Kom­mi­li­to­nin­nen und Kom­mi­li­to­nen,

Tout d’abord : Je suis vrai­ment déso­lé que je vais par­ler en alle­mand ; on m’a dit que la plu­part d’entre vous avait l’allemand com­me lan­gue mater­nel­le. Vous ne ratez rien – c’est jus­te la ver­si­on plus longue d’un grand mer­ci à tout le mon­de.

Ich wur­de nun vor­ge­schickt, um ein paar Wor­te zu sagen, aber selbst­ver­ständ­lich möch­te sich jede ein­zel­ne und jeder ein­zel­ner noch ein­mal sehr herz­lich für die Ver­lei­hung des Exzel­lenz­prei­ses der Deutsch-Fran­zö­si­schen Hoch­schu­le bedan­ken – bei der DFH selbst, aber auch bei der Jury und den För­de­rin­nen und För­de­rern der ein­zel­nen Prei­se. Wir alle wis­sen das sehr zu schät­zen. Vie­len Dank dafür.

Wenn man so einen „Exzel­lenz­preis“ über­reicht bekommt, ist man ver­sucht sich zu fra­gen, was genau denn nun so „exzel­lent“ sein soll; an der eige­nen Stu­di­en­lauf­bahn und den eige­nen inter­kul­tu­rel­len Erfah­run­gen. Denn sicher­lich haben wir alle gute Stu­di­en­ab-schlüs­se in zwei oder sogar drei Län­dern erzielt – aber reicht das aus, um sich selbst „Exzel­lenz“ zu beschei­ni­gen? Die­se Fra­ge kann man stel­len, denn inzwi­schen gibt es doch eini­ge Men­schen, die einen Auf­ent­halt in Deutsch­land oder in Frank­reich als „lang­wei­lig“ oder zumin­dest als „gewöhn­lich“ qua­li­fi­zie­ren. Ich den­ke zurück an eine Dame, die einer ande­ren Freun­din im RER in Paris ent­geis­tert davon berich­te­te, dass die Kin­der jetzt Deutsch in der Schu­le ler­nen – wozu man das denn bräuch­te. Umge­kehrt haben mich eini­ge Freun­de gefragt, ob es nicht viel wich­ti­ger wäre, bes­ser Eng­lisch zu ler­nen.

Ich habe das eini­ge Male gehört. Aber ver­stan­den habe ich es nie.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Exzellenzpreisvergabe der Deutsch-Französischen Hochschule, Französische Botschaft, Berlin, 26. Januar 2017
Bild: Jacek Ruta / DFH-UFA

Denn ich erin­ne­re mich noch gut dar­an, wie mei­ne Schul­klas­se von einer klei­nen nord­deut­schen Stadt in einem viel zu hei­ßen Som­mer vor 14 Jah­ren das ers­te Mal nach Paris fuhr. In unse­rem Bus starr­ten wir fas­zi­niert auf unse­re Han­dy-Dis­plays (damals waren das noch kei­ne Smart­pho­nes) und mach­ten sie dann hin­ter der Gren­ze schnell aus, weil wir Angst vor den hor­ren­den Roa­ming-Gebüh­ren im frem­den Netz hat­ten. Wir sind durch die fran­zö­si­sche Haupt­stadt gehetzt, haben unse­re obli­ga­to­ri­schen Fotos vor dem Eif­fel­turm gemacht und danach waren wir in ers­ter Linie mit Stau­nen beschäf­tigt. Wir waren eini­ger­ma­ßen über­wäl­tigt von Frank­reich und den Fran­zö­sin­nen und Fran­zo­sen, den vie­len Ein­drü­cken, die auf uns ein­pras­sel­ten. Gera­de für die­je­ni­gen unter uns, deren Fami­li­en einen Urlaub im Aus­land nicht hät­ten bezah­len kön­nen, war es eines der größ­ten Aben­teu­er, die sie bis dahin erlebt hat­ten.

Damals konn­te ich noch nicht wis­sen, dass ich ein­mal die Mög­lich­keit haben wür­de, für län­ge­re Zeit im Rah­men eines von der DFH geför­der­ten Stu­di­en­gangs in Paris und sei­ner Ban­lieue leben und arbei­ten zu dür­fen. Heu­te ist die­ser Traum Rea­li­tät gewor­den – und in gewis­ser Wei­se geht auch das Aben­teu­er bis heu­te wei­ter. Im All­tag bin ich heu­te weni­ger auf­ge­regt, aber oft noch genau­so erstaunt wie damals. Ich erle­be es als per­sön­li­che Befrei­ung, im Super­markt in Frank­reich nicht mehr grü­beln zu müs­sen, ob das Fla­schen­pfand nun 8, 15 oder 25 Cent beträgt. Und noch immer muss ich jedes Mal schmun­zeln, wenn ein rüs­ti­ger Fran­zo­se lie­be­voll sein Scheck­buch aus der Tasche nes­telt und damit in aller See­len­ru­he an der Kas­se bezahlt.

Ich glau­be, dass erst ein län­ge­rer Auf­ent­halt im Part­ner­land, wie er uns im Rah­men unse­res Stu­di­ums ermög­licht wur­de, den Blick schärft – und zwar nicht in Bezug auf die natür­lich vor­han­de­nen Unter­schie­de im All­tag, in der Admi­nis­tra­ti­on und im Wis­sen­schafts­sys­tem. Ich bin mit eini­gen ste­reo­ty­pen Vor­stel­lun­gen von Frank­reich in die­ses Stu­di­um hin­ein­ge­gan­gen. Eini­ge davon haben sich durch­aus bestä­tigt, ande­re nicht. Die inten­si­ve Beschäf­ti­gung mit der Spra­che, der Kul­tur, der Wis­sen­schaft und der Poli­tik des Gast­lan­des zwingt dazu, sich selbst jeden Tag wie­der in Fra­ge zu stel­len; und man lernt dabei fast noch mehr über sich selbst als über das ande­re Land.

Das Genia­le an sol­chen Erfah­run­gen ist, fin­de ich, dass man vor­han­de­ne Unter­schie­de eben nicht nivel­lie­ren muss, son­dern sie gera­de als jun­ger Mensch pro­duk­tiv für sich nut­zen kann. Denn ein gutes Stu­di­um ist, davon bin ich fest über­zeugt, dass ins­be­son­de­re ein deutsch-fran­zö­si­sches Stu­di­um mehr sein kann als die Sum­me der Noten und Kre­dit-punk­te, die man dafür erhält – selbst wenn die­se Erkennt­nis im Hoch­schul­all­tag manch­mal unter­geht. Der „inter­kul­tu­rel­le Mehr­wert“ ist aber in mei­nen Augen genau das: Wir dür­fen als EU-Bür­ge­rin­nen und -Bür­ger nicht nur in einem ande­ren Land leben, dort stu­die­ren und viel­leicht spä­ter arbei­ten – die meis­ten von uns fin­den dort auch vie­le neue Freun­de und Bekann­te. Eini­ge von uns ver­lie­ben sich sogar im ande­ren Land.

Wenn man die Annehm­lich­kei­ten eines Stu­di­ums in bei­den Län­dern eine Zeit lang genießt, mag man ver­sucht sein, sie als Selbst­ver­ständ­lich­keit zu emp­fin­den. Das sind sie natür­lich nicht. Davon aus­zu­ge­hen wäre viel­leicht sogar ein klein wenig gefähr­lich. Unse­re inter­na­tio­na­len Bil­dungs­bio­gra­fi­en ver­dan­ken wir einer­seits klu­gen poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen der Ver­gan­gen­heit, und ande­rer­seits den fran­zö­si­schen und deut­schen Steu­er­zah­le­rin­nen und Steu­er­zah­lern, die unse­re Aben­teu­er mit nicht uner­heb­li­chen Geld­be­trä­gen unter­stüt­zen. Dass sie das tun, ist ein Pri­vi­leg, das unse­ren Respekt und unse­re Dank­bar­keit ver­dient.

Ich den­ke, dass man kei­ne Geis­tes­wis­sen­schaft stu­diert haben muss, um in die­sen Tagen ein wenig Angst vor der Welt zu bekom­men. Denn es wäre schreck­lich, eines Tages auf­zu­wa­chen und fest­zu­stel­len, dass wir alle hier in die­sem Saal Euro­pa und die deutsch-fran­zö­si­sche Freund­schaft für eine ganz tol­le Sache hal­ten, aber immer grö­ße­re Tei­le der Bevöl­ke­rung nicht das Gerings­te damit anfan­gen kön­nen. Natür­lich wie­der­holt sich die Geschich­te nicht. Aber gera­de weil wir nicht vor­aus­ah­nen kön­nen, wie sich die poli­ti­schen Ver­hält­nis­se in unse­ren bei­den Län­dern eines Tages ent­wi­ckeln wer­den, ist es so wich­tig, die Wich­tig­keit und die Vor­tei­le inter­na­tio­na­ler und spe­zi­ell deutsch-fran­zö­si­scher Zusam­men­ar­beit her­aus­zu­stel­len, zu ver­tei­di­gen und zu erklä­ren.

Viel­leicht gehört es zu den Berufs­krank­hei­ten eines Möch­te­gern-His­to­ri­kers wie mir, aber ja, ich den­ke, dass es nicht scha­den kann, sich von Zeit zu Zeit in Erin­ne­rung zu rufen, dass das 21. Jahr­hun­dert das ers­te seit lan­ger Zeit wäre, in dem Deut­sche und Fran­zo­sen kei­nen Krieg gegen­ein­an­der geführt hät­ten.

Sich der eige­nen Groß­ar­tig­keit zu ver­si­chern und trotz­dem unwill­kür­lich aus­ein­an­der­zu­le­ben darf des­halb kei­ne Opti­on sein. Wer, wenn nicht wir, könn­te etwas dage­gen unter­neh­men; wer, wenn wir nicht wir, könn­te von den sehr kon­kre­ten Vor­tei­len Euro­pas und spe­zi­ell der deutsch-fran­zö­si­sche Koope­ra­ti­on zeu­gen und wer, wenn nicht wir, könn­te glaub­wür­dig dafür ein­ste­hen, dass all dies eben nicht nur das Pro­jekt irgend­ei­ner abge­ho­be­nen Eli­te irgend­wo in Ber­lin und Paris ist.

Wir haben vie­le der Vor­tei­le am eige­nen Leib erlebt, die Euro­pa und spe­zi­ell die deutsch-fran­zö­si­sche Zusam­men­ar­beit uns bie­ten und noch mehr Men­schen bie­ten könn­ten. Des­halb soll­ten wir auch die­je­ni­gen sein, die die wis­sen­schaft­li­che, kul­tu­rel­le, poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit gegen einen neu­en Natio­na­lis­mus ver­tei­di­gen. In die­sem Sin­ne ist ein inter­na­tio­na­les, ein deutsch-fran­zö­si­sches Stu­di­um die bes­te Imp­fung gegen all den Hass und all die Into­le­ranz, mit der uns eini­ge Men­schen in letz­ter Zeit zu über­schüt­ten ver­su­chen.

Denn das Trau­rigs­te, was den Bezie­hun­gen zwi­schen unse­ren bei­den Län­dern wider­fah­ren könn­te, wäre wohl genau das: dass wir als Fran­zo­sen und Deut­sche ver­ler­nen, über- und mit­ein­an­der zu stau­nen. Lasst uns das gemein­sam ver­hin­dern!

Mer­ci beau­coup !